Ist Zeitmangel normal?

Ist Zeitmangel normal?

Kennst du das Gefühl, „keine Zeit zu haben“ und dich ständig beeilen zu müssen? Damit bist du in bester Gesellschaft! Sehr viele Menschen empfinden im Alltag (Zeit-)Stress und fühlen sich unter Druck.
Manche Personengruppen, wie beispielsweise Alleinerziehende, sind besonders betroffen, insofern ist Zeit auch ungleich verteilt. (Zu diesem gesellschaftlichen Blickwinkel hat die Journalistin Teresa Bücker das Buch „Alle Zeit. Eine Frage von Macht und Freiheit“ (2022) geschrieben)

Und während wir uns gemeinsam dafür einsetzen können, gesellschaftliche Lösungen zu finden, wie beispielsweise die 30 Stunden Woche als Vollzeit-Modell und eine stärkere Ausrichtung auf Menschlichkeit, Natur und Balance in unserem Wirtschaftssystem (dazu gehört auch das Infragestellen des Glaubenssatzes „Zeit ist Geld“), können wir gleichzeitig individuell auf unser Zeitempfinden Einfluss nehmen und damit auch andere Menschen zu mehr Gelassenheit und Entspannung inspirieren.

Was beeinflusst unser Zeitempfinden?

Wenn wir gestresst sind oder Angst haben, erscheinen uns unsere Aufgaben oft wie ein unüberwindbarer Berg. Gefühle und körperliche Erregungszustände, aber auch Glaubenssätze, haben einen großen Einfluss auf unser Zeitempfinden.

Insofern ist „das beste Zeitmanagement der kluge Umgang mit sich selbst und seinen Gefühlen“, wie Marc Wittmann in seinem dem Buch: „Gefühlte Zeit. Kleine Psychologie des Zeitempfindens““ (2013) schreibt.

Dies ist eine Aussage, die zur Innenschau einlädt, anstatt die Zeit „managen“ zu wollen und zu versuchen, sie mit Produktivitätstechniken „unter Kontrolle“ zu bekommen (abgesehen davon, dass es uns niemals komplett gelingen wird, die Zeit zu kontrollieren. Sehr schön bissig-heiter beschreibt dies Oliver Burkeman in seinem Buch „4000 Wochen“).

Innere Unruhe erzeugt das Gefühl von Zeitdruck

Schauen wir uns im Folgenden die körperliche Komponente unseres Empfindens etwas genauer an:

Wenn wir innerlich ein hohes Erregungslevel haben und damit durch den Alltag gehen, führt dies wahrscheinlich dazu, dass wir die Anforderungen an uns als 10 x dringlicher empfinden, als sie es in Wirklichkeit sind. Das heißt: Wir empfinden in äußeren Gegebenheiten Zeitdruck, weil wir innerlich unter Strom stehen.  (umgekehrt natürlich auch, doch mir geht es hier um einen bewussten Perspektivwechsel)

Wie sehr unsere Innenwelt (maßgeblich dafür ist der Zustand unseres Nervensystems) unsere Wahrnehmung der Außenwelt beeinflusst, ist uns oft nicht klar.

So kann ein dereguliertes Nervensystem beispielsweise zur Folge haben, dass wir uns unbewusst zusätzliche Aufgaben aufbrummen, weil wir Ruhe und Entspannung schwer aushalten können. Oder dass wir zu Perfektionismus neigen, der sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, weil wir unterschwellig permanent die sorgenvolle innere Unruhe verspüren „nicht gut genug“ zu sein.

Wir erhalten damit ein Stresslevel aufrecht, an das wir uns gewöhnt haben und das wir deshalb gut kennen. Stress zu haben und Zeitmangel zu empfinden, kann sich folglich vertraut anfühlen und uns paradoxer Weise ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.

In diesem sicheren, weil wohlbekannten gestressten Zustand will ein mächtiger Anteil von uns bleiben, auch wenn er uns nicht guttut. Mehr Entspannung und das Gefühl von „Zeitwohlstand“ zu erleben, wäre zu ungewohnt und damit auf einer unbewussten Ebene „zu unsicher“.

Wie können wir selbst unser Zeitempfinden beeinflussen?

Die gute Nachricht ist, dass wir durch Techniken der Selbstregulation auf unser Erregungsniveau und damit auch auf unser Lebensgefühl Einfluss nehmen können. 

Wir können uns damit aus uns selbst heraus ein Gefühl von innerer Sicherheit vermitteln, anstatt diese Sicherheit unbewusst durch angst-und stress-gesteuerte Strategien wie Hektik, automatisiertes „sich-Beeilen“, Kontrollversuche, Perfektionismus und belastende Leistungsansprüche herzustellen zu versuchen.

Im Programm „Zurück zu mir“ zeige ich dir, wie du lernen kannst, dein Nervensystem zu regulieren und somit dein Stresslevel und das Gefühl von Zeitmangel zu senken. Das erste Modul über „Embodiment und Selbstregulation“ ist speziell darauf ausgelegt, dir diese Fähigkeiten näherzubringen.

Was ich dir mit diesem Blogartikel als Gedankenanstoß für den Alltag mitgeben möchte, ist ein körperlicher Blick auf das Thema Zeitmangel durch die „Nervensystembrille“:

Aus dieser Perspektive betrachtet, kann das Gefühl von Zeitmangel sehr viel mit Stress und innerer Unruhe zu tun haben… und diese innere Unruhe kann Ausdruck eines deregulierten Nervensystems sein, an dessen Zustand wir uns sogar so sehr gewöhnt haben, dass uns Ruhe und Entspannung regelrecht Angst machen kann.

Nun leben in unserer modernen Gesellschaft derartig viele Menschen mit einem deregulierten Nervensystem, das Stress und innere Unruhe (und damit verknüpft oftmals das Empfinden von permanentem Zeitmangel) gewissermaßen Normalität geworden ist. Unsere moderne Lebensweise fördert die Deregulierung unserer Nervensysteme durch verschiedene Faktoren, beispielsweise durch sehr viele Reize und sozio-ökonomische Strukturen, die zu Vereinsamung oder prekären Lebenssituationen führen.

Die Regulation unseres Nervensystems kann hier Erleichterung verschaffen und ein entspannteres Lebensgefühl normalisieren. Gleichzeitig brauchen wir wie gesagt auch auf kollektiver Ebene sozio-ökonomische Veränderungen, damit unsere Nervensysteme weniger Grund haben, in Deregulation zu geraten.

Die Hinwendung zu unseren Nervensystemen und unserem Zeitempfinden auf individueller Mikro-Ebene und gesellschaftliche Veränderungen auf der Makro-Ebene stehen in Wechselwirkung miteinander.

Insofern ist unser Verhältnis zur Zeit sowohl ein individuelles als auch kollektives Thema. Wir sind und werden weiterhin durch unser Umfeld und die sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse geprägt. Gleichzeitig können wir- beispielsweise durch Nervensystemregulation- mehr Einfluss auf unser Zeitempfinden nehmen, als wir glauben, wenn uns die to-do-Liste mal wieder bis zum Hals steht.

Quellen und (Buch-)tipps zum Weiterlesen:

Teresa Bücker: Alle Zeit. Eine Frage von Macht und Freiheit, 2022

(aus meiner Sicht reicht es, eine Zusammenfassung des Buches zu lesen, da es recht lang ist und Teresa Bücker sehr viel wiederholt)

Marc Wittmann: Gefühlte Zeit. Kleine Psychologie des Zeitempfindens, 2013

Oliver Burkeman: 4000 Wochen. Das Leben ist zu kurz für Zeitmanagement. 2022

Karlheinz Geißler, Jonas Geißler und Harald Lesch: Alles eine Frage der Zeit. Warum die »Zeit ist Geld«-Logik Mensch und Natur teuer zu stehen kommt. 2021

Der Instagramkanal von @bodybasedcoaching von Elena Rosenberg (Stand 2024)